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Interview

Ehemaliger Mitarbeiter der tpw Max Ciolek im Betroffenenrat des UBSKM

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Unser ehemaliger Mitarbeiter Max Ciolek ist in den Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs berufen worden. In einen Interview berichtet er, wie ihn (auch) seine Arbeit bei der tpw auf diese Aufgabe vorbereitet hat.

»Sexueller Missbrauch von Kindern ist etwas, das wir in unserer Gesellschaft nicht dulden dürfen. Und gerade sehen wir durch den aktuellen Fall in Münster wieder, zu welchen ungeheuerlichen Taten Menschen fähig sind - und wie wichtig eine Arbeit mit allen Mitteln dagegen ist.«

Unser Kollege Max Ciolek hat das Osnabrücker Team nach einem Jahr erfolgreicher Mitarbeit verlassen, um sich ganz seiner neuen Aufgabe im Betroffenenrat zu widmen. Wir freuen uns, dass ihn die Arbeit bei der tpw dazu ermutigt hat, sich für dieses wichtige politische Gremium zu bewerben.

Der Betroffenenrat hat sich im März 2015 konstituiert und ist dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, zugeordnet und hat derzeit 18 Mitglieder. Diese haben alle selbst sexualisierte Gewalt erlebt und arbeiten beruflich und ehrenamtlich zu diesem Thema.

Interview mit Max Ciolek

Unser Mitarbeiter Bastian Stöppler hat das Gespräch mit Max geführt. Das Interview ist in voller Länge als PDF abrufbar.

Worin liegt deiner Meinung nach die Stärke von „Mein Körper gehört mir!“?

Das Stück ermutigt Kinder, ihre Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, ein Gespür dafür zu entwickeln, was Ihnen gut tut und was sie nicht so gerne in ihrem Leben haben möchten. Sie werden vorsichtig und einfühlsam an das Thema „sexualisierte Gewalt“ herangeführt, kriegen eine Ahnung, wie sie sich schützen können (mit den wunderbaren drei Fragen!) und ermutigt, so lange nach Hilfe zu suchen, bis sie sie bekommen. Das Ganze in einer kindgerechten, teilweise fröhlichen Verpackung, die nicht abschreckt, sondern Interesse weckt und Mut macht.

Was ist dir passiert?

Ich bin in einer sehr katholischen Familie aufgewachsen. Meine Eltern sind nach dem zweiten Weltkrieg aus Oberschlesien nach Westdeutschland gekommen, ich bin als letztes von fünf Kindern in Dortmund geboren worden. Unsere Wohnung lag direkt gegenüber von einem Franziskanerkloster, in dem ich praktisch meine komplette Freizeit verbrachte: als Messdiener, Lektor, Pfadfinder, im Kinder- und später Kirchenchor, in der Jugendgottesdienstvorbereitung und vielem mehr. Das kirchliche Leben war mein soziales Zuhause, hier fühlte ich mich angenommen und selbstwirksam. Der Täter war ein katholischer Priester, der ebenfalls aus Oberschlesien stammte und deshalb wie ein sechstes Kind zu unserer Familie gehörte. Das heißt, es war kein institutioneller, sondern ein familiärer Missbrauch, der aber durch den „blinden Glauben“ meiner Eltern ermöglicht wurde. So war es zum Beispiel durchaus üblich, dass dieser Mann und ich – da war ich zehn – uns nach einem sonntäglichen Mittagsmahl zu einem „Mittagsschlaf“ in mein Kinderzimmer zurückzogen. Das fanden meine Eltern nicht merkwürdig – noch Fragen? Später wurden die gemeinsamen Zeiten mit diesem Priester weiter ausgedehnt, ich besuchte ihn in seiner Wohnung und blieb auch oft über Nacht.

Wie hast du es geschafft, den Missbrauch zu beenden?

Das Ganze zog sich über insgesamt acht Jahre hin, bis ich meine spätere Frau traf. Erst da hatte ich die Kraft, dem Täter einen Riegel vorzuschieben. Allerdings habe ich als Kind und Jugendlicher das ganze Geschehen überhaupt nicht als Missbrauch empfunden, da der Täter mir perfekt seine Sicht auf die Dinge übergestülpt hatte. Ich habe damals wirklich geglaubt, dass die Begegnung mit ihm meine einzige Chance war, etwas über Sexualität, die in meiner Familie als absolutes Tabuthema galt, zu erfahren. Hätte ich zu dieser Zeit so etwas wie „Mein Körper gehört mir!“ gehabt, wäre das alles sicher ganz anders verlaufen.

Was wünscht du Kindern, die ähnliche Erfahrungen wie du machen/gemacht haben? Welche Hilfe bzw. was hättest du dir damals gewünscht?

Erst mal wünsche ich solchen Kindern, dass Ihnen viel schneller geglaubt wird, wenn sie den Mut gefunden haben, über ihren Missbrauch zu sprechen. Leider kennen wir ja alle die Statistik, die sagt, dass ein Kind sieben Erwachsene ansprechen muss, bis ihm jemand wirklich zuhört und Hilfe verspricht. Damit sich das ändert, müssen wir das Thema „Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ dringend aus der Tabuzone holen und lernen, empathisch und unaufgeregt darüber zu sprechen und anzuerkennen, dass diese Gewalt ein allgegenwärtiges Phänomen ist. Wenn ich den Missbrauch als Kind schon als solchen empfunden hätte, hätte ich mir natürlich sehr gewünscht, dass meine Eltern und älteren Geschwister mich beschützen und den Täter aus unserem familiären Umfeld verwiesen hätten.

Warum ist Präventionsarbeit so wichtig?

Ich glaube, dass Kinder sich letztendlich nicht allein schützen können. Wir Erwachsenen haben da eine ganz wichtige Aufgabe, nämlich aufmerksam zu sein, zuzuhören, den Kindern zu glauben und Ihnen Hilfe anzubieten. Trotzdem sind natürlich starke, sich ihrer Gefühle bewussten Kinder eine erste Voraussetzung, um Missbrauch zu bekämpfen. Um aber gesamtgesellschaftlich etwas zu tun, braucht es viel mehr: die Zusammenarbeit aller Institutionen, die sich dem Thema Kinderschutz widmen (KiTas, Schulen, Jugendämter, Fachberatungsstellen, Polizei, Justiz), muss besser werden, die Politik muss Geld in die Hand nehmen, um diese Institutionen angemessen auszustatten, das Strafrecht muss überarbeitet werden (passiert gerade) und vieles mehr.

Mittlerweile bist du neues Mitglied im Betroffenenrat der Bundesregierung. Wie kam es dazu und was ist der Betroffenenrat überhaupt?

Der Betroffenenrat besteht aus 18 Frauen und Männern, die aus unterschiedlichsten Missbrauchskontexten kommen und es trotz dieser Erfahrung geschafft haben, konstruktiv und kompetent zu diesem Thema zu arbeiten: ehrenamtlich und oft sogar hauptberuflich. Ich bin voll der Bewunderung für die Fachkenntnis dieser Menschen, die mit ihrer ganz speziellen Erfahrung und Expertise den Kampf gegen sexualisierte Gewalt führen. Ich finde das ein wunderbares Zeichen dafür, dass wir trotz dieser furchtbaren Erfahrung nicht lebenslang Opfer bleiben müssen.

Warum ist es aus deiner Sicht so wichtig, dass ihr als Betroffene in Form dieses Rats eine Stimme bekommen habt? Was könnt ihr beitragen?

Zunächst einmal finde ich es großartig, dass die Arbeit des Betroffenenrats im Rahmen des Amtes des UBSKM für fünf weitere Jahre ermöglicht wird. Die Gefahr beim Thema „Sexueller Missbrauch“ ist ja, dass nach großen, in der Presse hochgekochten Skandalen wie zuletzt in Bergisch Gladbach, Lügde oder Münster die Öffentlichkeit (und oft auch die Politik) zur Tagesordnung übergeht. Deshalb besteht eine ganz wichtige Aufgabe des BR in der ständigen Sichtbarmachung des Themas. Darüber hinaus wird das Gremium aus vielen verschiedenen Richtungen (Politik, Forschung etc.) um Stellungnahmen gebeten. Hier können wir ganz spezielle Standpunkte einbringen, die durch das eigene Erleben von Missbrauch eine besondere Qualität haben. Und oft geht es auch darum, in Talkshows, Interviews oder eine regelmäßige Präsenz in den sozialen Medien dem Thema Gesicht und Stimme zu geben.

Wie sieht die weitere Arbeit im Betroffenenrat aus? Kannst du schon einschätzen, wo du dich einbringen möchtest/kannst?

Neben den zweimonatlichen Präsenzsitzungen in Berlin tauscht sich der Betroffenenrat täglich per E-Mail aus, erarbeitet Stellungnahmen zu verschiedensten Themen, die an ihn herangetragen werden. Eine wichtige Aufgabe der ersten Sitzung war auch eine Einteilung der Mitglieder in bestimmte Arbeitsgruppen, weil nicht immer alle 18 Mitglieder involviert sein können. Der BR arbeitet zum Beispiel auch in den entsprechenden Sachgebieten des "Nationalen Rats gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen" mit. Ich selbst interessiere mich zum Beispiel sehr für die Öffentlichkeitsarbeit, Schutzkonzepte und vor allem die Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft über das Thema sprechen. Deshalb knüpfe ich momentan auch hier in Osnabrück Kontakte zu Akteuren, denen der Kinderschutz am Herzen liegt. Außerdem würde ich gerne mittelfristig eine Selbsthilfegruppe für Männer initiieren, die in ihrer Kindheit oder Jugend Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind.

Lieber Max, vielen Dank für deine Offenheit. Toll, dass du uns ein wenig mit in dein Leben genommen und deine Erfahrungen und Ansichten mit uns geteilt hast. Alles Gute und hoffentlich bis bald!

Foto: Angela von Brill